Die Kochmützen - Wie sehr man unter Heimweh leiden muss, um in China ein "deutsches" Lokal zu besuchen. · Jul 15, 12:47 by Franz Josef
Die Chinesen brauchen die Europäer. Oder die Amerikaner. Auf jeden Fall brauchen sie uns, um unser nicht zu übertreffendes Know How für den Aufschwung ihrer Wirtschaft zu nutzen. Gut. Verständlich, dass über die Jahre viele Profis aus allen möglichen Sparten nach China kamen, um vom Aufschwung zu profitieren und hier das große Geld zu machen. Aber es geht auch anders. Vor 2 Monaten erst sah ich auf RTL II (ich weiß, Schande über mich) eine Show namens “Die Aussteiger”. Dort wurden Menschen vorgestellt, die es ob des in Deutschland immer kleiner werdenden Arbeitsmarktes in die Ferne zieht , schlicht um ihrem aussichtslosen Schicksal in der Heimat zu entfliehen.
So scheinbar auch im Falle der “Kochmützen”. Hier handelt sich Zweifels ohne um Menschen, denen in Deutschland ähnliches Schicksal gedroht haben dürfte. Nichts desto trotz – oder gerade deswegen – haben besagte Mützen hier in Peking ein Lokal aufgemacht. Dieses reiht sich im wunderschönen JianWai (建外) SOHO in eine Riege ausländischer Lokale (wie z.B. Starbucks) ein, ohne den Standard dort auch nur annähernd zu heben, eher im Gegenteil.
Vom chinesischen Kellner überrascht, der uns mit einem familiären “N’Abend!” begrüßte, wurden wir – nicht wissend, dass dies an diesem Abend das letzte deutsche Wort eines Kellners sein sollte, in den ersten Stock geführt. Ohne hier weiter auf den dort stattgefundenen Praktikantenstammtisch der deutschen Handelskammer eingehen zu wollen, machten wir den folgenschweren Fehler, etwas anderes als Bier oder Jägermeister zu bestellen, quasi die zwei Hauptattraktionen des Lokals. Nach dem Durchlesen der Karte entschieden wir uns, auf den “deutschen Qualitätsstandard” zu vertrauen und sowohl Getränke als auch Speisen zu bestellen, die man nicht in jedem chinesischen Restaurant bekommt. Neben einem Erdbeermilchshake von mir bestellten Lisa und Markus je ein Glas Weißwein, einmal Spaghetti mit Schinken und einmal “Spätzle”.
Natürlich hätte uns klar sein müssen, dass Deutschland für Wein ungefähr so bekannt ist, wie Finnland für seine Pizze. Dass Spaghetti aus Italien kommen und Spätzle… naja. Nichts desto trotz – unser Vertrauen war ungebrochen. Selbst als der Kellner (eigenartiger Weise übrigens ein Inder oder Pakistani?) nach 10 Minuten noch mal vorbeischaute , um unsere Bestellung zu verifizieren. Nettes Wort. Blöder Kellner. Nachdem wir aber den Jahreslohn eines chinesischen Wanderarbeiters im Voraus bezahlt hatten, waren wir nach gut 20 Minuten schon ein wenig erbost, dass noch nicht einmal die Getränke serviert waren. In Minute 22 kam dann auch schon mein Milchshake, der … hier fehlen mir die Worte. Sagen wir mal, er war “einfach scheußlich”. Nach 35 Minuten war es dann soweit. Die Speisen meiner Begleiter wurden serviert. Ich fasse mich kurz – ich hab’ sie ja nicht probiert. Lisa (die, wenn sie Hunger hat, wirklich ALLES isst) haben die Nudeln nicht geschmeckt, und Markus erinnerten seine Spätzle auf eigenartige Weise an den Plastikfußboden seiner Jugendherberge.
Der beherzte Leser wird sich jetzt fragen: “Und der Wein?” Der kam nicht. Auch nach 50 Minuten noch nicht. Auf jeden Fall hat es uns dann gereicht, und Markus forderte das Geld für die zwei Gläser Wein zurück. “No Sir! Just wait one moment.” Ein Satz, den wir an diesem Abend öfter gehört haben. Und da schoss es aus Markus heraus: “NO, WE WILL NOT WAIT ANY LONGER! JUST GIVE US OUR MONEY BACK!”. Dass wir die Weine nicht wollten, selbst als er in Minute 55 damit ankam, verwirrte ihn sichtlich. Aber zumindestens hat er uns DANACH anstandslos das Geld (leider nur für den Wein) zurückgegeben.
Fazit:
Eine Mütze allein macht noch keinen Koch. Wer darauf aus ist, deutsches Bier und Jägermeister in rauhen Mengen zu konsumieren und dafür (für chinesische Verhältnisse) überdurchschnittlich viel Geld zu zahlen, der ist hier richtig. Vielleicht auch um ein paar Deutsche zu treffen. Warum diese allerdings die “Mützen” besuchen sollten “ist mir vollkommen unbegreiflich” (Zitat Günther Netzer). Vielleicht wegen der papierenen Deutschlandfahnen an der Wand. Aber vielleicht wollen sie auch nur unter sich sein, die Deutschen. Ganz egal, ob das Essen schmeckt oder nicht. Und dafür sind die “Mützen” wahrscheinlich ein guter Platz.
PS: Ohne Plan vom JianWai SOHO ist das Lokal fast unauffindbar. Und ich glaube, das ist gut so.

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Es beginnt. Deutscher Praktikantenstammtisch - Zai lai yi ge (在来一个)
