Deutscher Praktikantenstammtisch - Zai lai yi ge (在来一个) · Jul 15, 13:06 by Franz Josef
Ein in Peking monatlich stattfindendes “Event” ist der Praktikantenstammtisch der deutschen Handelskammer Peking. Um es auf den Punkt zu bringen: All das, was man während eines Jahres in China in der Heimat zurücklassen möchte, findet man hier. Nur noch eine Kategorie schlimmer: DEUTSCH. Nun muss ich – bevor ich weiterschreibe – eines klären: Ich bin weder Rassist, noch hasse ich Deutsche. Teile meiner Familie wohnen in Deutschland, ich war mit einer Deutschen zusammen, die Schwester meiner Freundin lebt in München und hat einen Rottweiler geheiratet (nein, nicht den Hund), den ich sehr schätze usw. usf.
Jeder allerdings, der sich fragt, warum die Österreicher die Deutschen so geringschätzen, dem kann ich nur den Praktikantenstammtisch in Peking empfehlen. Dort ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. Die Frage ist nur – welcher Rang? Welcher Name? Wenn Leif mich belächelt, weil ich Franz Josef heiße, und das gleich seinem Freund Niklas (DEM Jungen aus Flandern?) mitteilt, dann “krieg ich die Krise”.
Wenn mir ebendieser Leif ganz stolz erzählt, dass er hier in Peking “in IT macht” und ich ihn frage “Was bedeutet das genau?” und er darauf erwidert “na EI-TIH” und mich dabei ansieht, als würde ich aus einem Dritte-Welt-Land kommen, es erst hilft, dass ich erwähne, dass ich Wirtschaftsinformatik studiert habe, um mir dann zu erklären “na so Verkabelungen halt und PCs verchecken”, dann weiß ich: er sieht in seinem grau-rosa Hemd nicht nur aus wie ein Idiot, er ist auch einer.
Diese Meinung manifestiert sich umso mehr, als er mir kurz darauf ganz stolz erklärt, dass er früher schon einmal 6 Monate in Peking war – und jetzt seit einer Woche für immer, er aber kein Wort Chinesisch spricht. Leif, da können deine Eltern aber määächtig stolz auf Dich sein. Wahrscheinlich ist der Sprung von Chemnitz in Richtung Peking auch für Dich ein “großer Sprung nach vorne”.
Sei’s drum, der Boss seiner Firma, (+fügehierdümmlichendeutschenVornamenein+), die laut eigener Beschreibung hier in Peking dringend gebraucht wird, erklärt mir kurzerhand sein Geschäftskonzept: “Die brauchen uns hier in Peking, denn wir verkaufen DEUTSCHE WERTARBEIT”. Oh… das mit der Wertarbeit hätte er mal den “Mützen” erklären sollen. Dass auch er nach Jahren (?) in Peking noch immer kein Chinesisch spricht, beweist er mit einem saloppen “zai lai yi ge” zum Kellner, dabei auf 3 Bier und 3 Jägermeister deutend. Noch eine Mutter, die stolz sein kann.
Nach dem dritten oder vierten Bier (Jägermeister inklusive) fängt – ach, nennen wir ihn einfach Boss – an Witze zu erzählen. Dass die aber schon bei der Erbauung der Cheopspyramide nicht mehr lustig waren, stört ihn dabei herzlich wenig. Aber dass wir drei Österreicher darüber einfach nicht lachen können, scheinbar schon. “Gut, dann nehm ich tausend Peitschenhiebe, aber schnallt mir dabei ‘nen Italiener an’ Arsch!” An dieser Stelle sei angemerkt: Ich hab versucht zu lachen. WIRKLICH. Aber er war einfach nicht lustig.
Themenwechsel. Fußball. Juhu! Hier kürze ich ab. “Alles unfair”. Eigentlich sollten – wer hätte das gedacht – die Deutschen Weltmeister sein. Italiener sind auch alle “doofe Spaghettifresser.” Na klar, Boss. In diesem Momenten überfällt mich immer der Stolz darauf, dass unser Nationalteam so schlecht ist, dass sich bei uns niemand Gedanken über solche Dinge machen muss.
Hier hört die Geschichte schon auf, gut eine Stunde ist vergangen – und wer die Mützenstory gelesen hat, der weiß, warum wir spätestens zu diesem Zeitpunkt aufgebrochen sind.
Dieses Aufeinandertreffen mit unseren lieben Nachbarn inspiriert mich auch hier wieder, mit einem Zitat zu enden, diesmal von
Manfred Deix, dem Wiener Karikaturisten:
“Glaubst, kömma des schreibn: GEHTS ALLE SCHEISSEN!!!”

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